Stadiongeschichte

Geschrieben am: 15. Oktober 2011 von

Autor: Burkhard Schulz – Stand: Sommer 2008

Als am 18. Mai diesen Jahres der Abpfiff der 170. und vorerst letzten Zweitligapartie der Lila-Veilchen gegen 1860 München (1-1) ertönte, war das Kapitel 2. Bundesliga für Erzgebirge Aue erst mal beendet. Die Geschichte des Auer Stadions jährte sich aber 11 Tage später bereits zum 80. Mal. Am Pfingstsonntag (27. Mai) im Jahre 1928 wurde der Sportplatz am Lößnitzbach als “Städtisches Stadion” eröffnet. 1950 entstand daraus das Otto-Grotewohl-Stadion das jetzt seit 1991 Erzgebirgsstadion heißt.

Städtisches Stadion Aue 1928

Vor 80 Jahren gab es in Aue nur ganz wenige Sportplätze. In der Flächengröße dieser Anlagen stand die Stadt Aue damals im Freistaat Sachsen nur an vorletzter Stelle. 1925 wurde das Bauamt der Stadt mit der Planung für eine Sportplatzanlage beauftragt. Die Stadtverwaltung entschied sich nach der Suche eines geeigneten Platzes (u.a. auch unmittelbar auf dem Zeller Berg) schließlich für die sogenannten Bechergutswiesen in der Nähe des damaligen Schlachthofes. Am 16. Juni 1926 begann der Bau in landschaftlicher schöner Lage. Bei günstigen Wetter wurde die Anlage am 29. Mai 1928 feierlich übergeben.

Otto-Grotewohl-Stadion in den 50ern

5.946 Erwachsene und 1.284 Kinder sorgten an diesen Tage für einen Rekordbesuch. Die Anlage wies ein Rasenspielfeld in einer Größe von 110 Meter mal 70 Meter mit anschließenden Halbbogenfeldern für leichtathletische Übungen und eine 400-Meter Schlackenbahn auf. Daneben gab es Übungsplätze für Handball, Hockey und Tennis. Drei Jahre nach der Eröffnung erlebte das Stadion einen Höhepunkt. Am 31. Oktober 1931 spielte, vor immerhin 8.000 Zuschauern, der damals berühmte Dresdner Sportclub mit Richard Hofmann gegen eine Erzgebirgself, die sich mit 1-12 geschlagen geben musste.

Der 2. Weltkrieg riss auch in Aue fühlbare Lücken in die Reihen der Sportler. Die Fußballer fanden sich nach und nach wieder zusammen, wenn auch an einen regelmäßigen Spielbetrieb noch gar nicht zu denken war. Die Durchführung von Spielen im städtischen Stadion war mit Schwierigkeiten verbunden. Einheiten der Roten Armee nutzen den Platz zur Ausbildung und zu Wettkämpfen. Freundschaftsspiele waren zufällig und unregelmäßig. Zudem waren die materiellen Bedingungen denkbar schlecht. In Verwirklichung des ersten Jugendförderungsgesetz vom 8. Februar 1950, legten der sowjetische Generaldirektor der SAG Wismut, General Malzew und die SED-Kreisleitung des Erzbergbaues gemeinsam fest, an Stelle des vernachlässigten Auer Sportplatzes im Lößnitztal ein modernes Stadion zu bauen. Die endgültige Entscheidung genau an dieser Stelle zu bauen fiel am 12. April 1950 in einem Beschluss vom Gesamtrat der Stadt Aue. Der Stadtrat von Aue machte aber die Zustimmung einiger diverser Ämter abhängig. So war man auf die Genehmigungen des Amtes zum Schutz für Volkseigentum, der obersten Straßenbaubehörde, der Muldenwassergenossenschaft, des sächsischen Wasserbauamtes und der sächsischen Reichsbahn abhängig. Noch im März 1950 wurden einige andere Grundstücke innerhalb von Aue von der AG Wismut, Bürgermeister Ebert sowie Herrn Graf vom Stadtbaumt besichtigt, so unter anderen in Auerhammer das Gelände der Halbzeugwerke an der Zschorlauer Strasse. Diese wurden von der Wismut allesamt aber für nicht geeignet empfunden.

Der alte Turm im Lößnitzer Maranthontor

Nach dem 1. Spatenstich am 1. Mai 1950 wurde das Stadion in knapp vier Monaten förmlich aus dem Boden gestampft. Zum schwierigsten Problem gestaltete sich der Rasen. Die dafür benötigten Rasenplatten wurden aus dem Sumpfgelände nebenan buchstäblich über Nacht geholt und einen Boden bildeten der bis 1964 nicht erneuert zu werden brauchte. Aber auch die Verlegung des Lößnitzbaches war anspruchsvoll. Das Flussbett verlief damals entlang der heutigen B169 unter der jetzigen Gegengerade in Richtung Anzeigetafel. Der Platz erhielt dadurch vom Lößnitzer Eingang her eine Achtel Drehung nach links. Die Einweihung nahm am 20. August 1950 der damalige Ministerpräsident der DDR Otto-Grotewohl vor.

Seinen Namen trug das Stadion bis 1991. Offiziell 35.000 Zuschauer erlebten damals eine Sportschau, Leichtathletikwettbewerbe und das Eröffnungsspiel Sportvereinigung Erzbergbau gegen den Oberligadritten und FDGB-Pokalsieger des Vorjahres Waggonbau Dessau. Ein gerechtes 3-3 Unentschieden war das Endergebnis. Viele Quellen berichteten damals von bis zu 50.000 (inoffiziell) Zuschauern bei der Stadioneröffnung, den rings ums Stadion wurden die Naturhänge rege genutzt. In der folgenden Festwoche verlor Aue in einem zweiten Einweihungsspiel einige Tage später knapp mit 3-4 gegen eine DDR-Auswahl.

Otto-Grotewohl-Stadion Ende der 60er

Die großartigen Erfolge der Wismut Fußballer in den 50er Jahren machten weitere Investitionen im Stadion erforderlich. 1955 wurde das Sportlerheim fertiggestellt. In ihm gab es auch Wohnungen für Spieler, Trainer und Gäste. Dieses Gebäude steht heute noch und beinhaltet die Vereinsgeschäftsstelle.
In Folge des Hochwassers vom Juni 1954 mussten auch Teile vom Stadion, die damals zum großen Teil in Holzbauweise ausgeführt wurden, grundhaft erneuert werden. Durch den Befall von Schwamm waren die ungeschützten Bereiche am Lößnitzbach schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Daraus resultierte 1955/56 die große überdachte Tribüne die in ihrer Substanz noch heute besteht. Sie bot knapp 3.000 Zuschauern Wetterschutz. 1958 wandelte man u.a. die Kurven in Stehplätze um. Man trug einfach den erhöhten Zuscheraufkommen in dieser Zeit Rechnung.

Neuer Kassenbereich im Dezember 1968 eingeweiht

Durch die großzügige Unterstützung des Trägerbetriebes, der SDAG Wismut, erhielt das Auer Stadion ständig Finanzspritzen. Aber ständige Nutzung sowie Witterungseinflüsse haben besonders die Bausubstanz des Stadions und den dazugehörigen sozialen und sanitären Einrichtungen Langzeitschäden entstehen lassen die mit Reparaturen nicht mehr beseitigt werden konnten. Beauflagungen der Bauaufsichtsbehörde führten zu Sperrungen von Zuschauerbereichen. Der Einsturz von Teile der damaligen Auer Stehplatz-Fankurve, im März 1981 nach dem Oberligaspiel gegen Chemie Böhlen (3-0) bemerkt, war der Anlass das Stadion total zu rekonstruieren.

Einbruchstelle im Otto-Grotewohl-Stadion im Mai 1982

Dies dauerte zwar noch einige Jahre, aber nach dem letzten Heimspiel gegen Hansa Rostock Ende der Saison 1985/86 war endlich Startschuss für den großen Umbau des Stadions. Politischen Erwägungen, eine BSG wie Wismut Aue durfte kein attraktiveres Stadion besitzen als ein DDR-Club, und ökonomische Zwänge gestalteten den Bauablauf wesentlich aufwendiger. Bis 1992 wurde das Otto-Grotewohl-Stadion bei laufenden Spielbetrieb rekonstruiert. Zur Eröffnung der Flutlichtanlage am 13. Oktober 1989 pilgerten 26.000 Zuschauer ins Stadion und machten dieses Jubiläum zu einem großen Volksfest. Für das 1.000 Oberligapunktspiel hätte der Rahmen nicht besser sein können für die Wismut Fußballer. Gegen den damaligen Tabellenführer 1. FC Magdeburg gelang aber nur ein 0-0 Unentscheiden.

Flutlichteinweihung zum 1000. Oberligaspiel am 13. Oktober 1989

Sportlich schlitterten die Lila-Weißen in eine große Krise die mit dem Abstieg im Mai 1990 mündete. Der Umbau ging aber trotzdem weiter und konnte im September 1992 abgeschlossen werden. Davor gab es noch im November 1991 die Umbenennung in Erzgebirgsstadion. Nachdem die Arena 41 Jahre lang Eigentum der SDAG Wismut gewesen war, klärte die Treuhand Ende Oktober 1991 die Besitzverhältnisse: Es übernahm der Landkreis Aue, ehe das Erbpachtrecht Ende der 90er Jahre auf den FC Erzgebirge Aue überging. Nach dem Abstieg aus der Oberliga zog Tristesse ins Lößnitztal ein. Anfang der 90er zogen aber auch andere Veranstaltungen die Massen ins Stadion, wie ein Grönemeyer Konzert (Mai 1991) und ein Auftritt der damaligen populären Kelly-Family (Juni 1995). Im Juli 1998 fand ein großes Jubiläumsfest eines regionalen Radiosenders statt.

Erzgebirgsstadion am 31. Oktober 1995

Aber auch die Zeugen Jehovas bevölkerten in den Jahren 1993, 1999, 2001, 2002 und 2003 in diversen Bezirkskongressen das Auer Stadion. Viermal konnte der DFB-Ligapokal (1997, 1998, 1999 und 2002) ins Erzgebirge geholt werden. Doch erst als im August 1998 die Bayern (im Ligacup gegen Leverkusen) aufkreuzte platzte des Stadion mit 19.000 Besuchern seit langem wieder einmal aus allen Nähten. Aus Anlass dieses Spiels wurde die Flutlichtanlage renoviert, neue Kameraplätze für die TV-Übertragungen oberhalb der Gegengerade installiert und hinter der Tribüne ein zusätzlicher VIP-Container aufgestellt. Die Reaktionen waren immer positiv. Jeder lobte die guten Bedingungen im Stadion. Nach der Qualifikation zur Regionalliga-Nord (2000) hatte der DFB Sicherheitsbedenken, weshalb das Fassungsvermögen auf 16.350 gesenkt werden musste.

Luftbild vom 8. Juni 2003

Der überraschende Aufstieg 2003 in die Zweite Bundesliga brachte noch mal ein einen kräftigen Investitionsschub. Der Verein und seine Partner sowie als Eigentümer der Landkreis haben dafür enorme Anstrengungen unternommen, um bautechnische und DFL-Anforderungen umfassend zu erfüllen. Ein neuer Rasen inklusiver Rasenheizung und kompletter neuer Lilafarbener Tartanbahn in der Sommerpause 2004 waren sicherlich die größte Herausforderung die keine 24 Stunden nach Abpfiff der ersten erfolgreichen Zweitligasaison in Angriff genommen wurde. Weiterhin eine neue Videoleinwand mit komplett neuen Kommunikationsanlagen, ein großer und ein kleiner Kunstrasenplatz, zwei neue Naturrasenplätze (einer davon beheizbar!), Kameraturm, normgerechte und stabile 2,20 Meter hohe Zaunanlage, Blitzschutzanlage, eine neue unterbrecherfreie Notstromversorgung, ein neuer Gästeeingang mit neuem Kassenbereich, Hochwasserschutz, zusätzliche Parkflächen, WC für Behinderte und manches mehr. Nach und nach wurden Schalensitze auf der Tribüne installiert. Das Geld (über 5 Millionen Euro) wurde neben den FCE-Eigenmitteln vor allem vom Landkreis und Regierungspräsidium bereitgestellt. Enthalten ist zudem Geld aus dem Fluthilfefonds des Freistaates Sachsen, denn das Hochwasser im August 2002 hatten schwere Schäden auf den Plätzen sowie an der eben aufwändig sanierten Halle verursacht.”

Blick aus Block J am 07. Juli 2006

Großen Wirbel verursachte im Dezember 2006 die Vorstellung einer Machbarkeitsstudie eines zukünftigen neuen 30.000 Mann Stadions. Diese stieß auf sehr unterschiedliche Resonanzen. Präsident Uwe Leonhardt wurde von vielen aber missverstanden, die ihn in diesen Punkt Größenwahn vorwarfen. Auch wurden gewissen Aussagen einfach verdreht. Wer aber genauer die Aussagen der Beteiligten verfolgte, konnte erkennen das es nie um ein völlig neues Stadion ging, sondern um eine komplexe Rekonstruktion des Erzgebirgsstadions. Das Paket zur Modernisierung liegt bei den Entscheidungsträgern vor.

 

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